Vergessen im eigenen Land

Im Zentrum von Sri Lanka lebt ein Volk, das dem Rest des Landes in fast jeder Hinsicht hinterherhinkt. In den Dörfern der Hochlandtamilen herrscht Armut und oft auch Gewalt. Darunter leiden besonders Frauen und Mädchen. Text und Fotos von David Wünschel

Teepflückerinnen auf dem Weg zur Arbeit

Teepflücken ist in Sri Lanka eine Arbeit für gestandene Frauen. Thagvelee Pushparanee ist 53, die meisten Kolleginnen aus ihrer Kolonne sind über 40. Barfuß laufen sie seit halb acht zwischen den Teesträuchern umher und zupfen hellgrüne Blätter, die sie in Plastiksäcke auf ihrem Rücken stopfen. Ihre Arme sind sehnig, die Füße dreckig, faltig und manchmal auch blutig, die Adern und die Hornhaut dick. Thagvelee zählt zu den besten Teepflückerinnen in ihrer Kolonne. An vielen Tagen pflückt sie 18 Kilogramm, heute zeigt die Waage nach acht Stunden Arbeit nur 16 an. Für ihr Tagewerk bekommt Thagvelee 805 Rupien, etwas mehr als vier Euro.

Die Teepflückerinnen in Thagvelees Kolonne sind alle Hochlandtamilinnen, auch indische Tamilinnen genannt. Sie sind Nachfahren von Arbeitern, die im 19. Jahrhundert aus Indien einwanderten, um auf den Plantagen der Engländer zu arbeiten. Die Kolonialherren verließen das Land 1948, die Arbeiter blieben. Die singhalesische Regierung nahm ihnen jedoch die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht. Bis vor wenigen Jahren waren mehr als 100.000 Hochlandtamilen staatenlos. Anstelle der Staatsbürgerschaft stand ein X in ihrem Pass. Erst 2003 wurden sie zu Bürgern Sri Lankas. Heute gibt es fast eine Million Hochlandtamilen, sie machen etwa vier Prozent der Bevölkerung aus. Der Großteil von ihnen lebt immer noch im bergigen Hochland im Zentrum des Landes, viele arbeiten auf den Teeplantagen.

Thagvelee Pushparanee

Die Lebensverhältnisse dort sind oft katastrophal und wie vor 50 Jahren. Viele Teedörfer bestehen aus länglichen Baracken, den sogenannten Langhäusern, die noch aus der Kolonialzeit stammen und seitdem verfallen. Inhaber sind große Teefirmen, die die Bewohner hinauswerfen, sobald sie ihre Arbeit auf den Plantagen aufgeben. Weil in den Häusern wenig Platz ist, sind Kochstellen und Latrinen ausgelagert. Duschen und Bäder gibt es nicht. Mehrere hunderttausend Menschen leben in solchen Verhältnissen.

Auch Thagvelee wohnt in einem solchen Dorf. In Poonagalla stehen zwischen Teefeldern und einer Grundschule drei Langhäuser, die 80 Menschen beherbergen. Es stinkt nach Rauch und Hühner stolzieren durch Wohnungen, in denen es weder Türen noch Privatsphäre gibt. Ein dreibeiniger Hund hinkt zwischen braunen Pfützen umher. Thagvelee teilt sich hier mit sieben Verwandten eine Bleibe, in deren drei Räumen nichts steht außer einem Schrank, einigen Stühlen und einem Schreibtisch. Die Decke ist voller Wasserflecken, fließend Wasser gibt es aber nicht. Dafür steht im Dorf ein Wassertank, der morgens und abends jeweils eine Stunde geöffnet ist.

Eine Gasse in Poonagalla

Wenn Tee gepflückt werden muss, steht Thagvelee an 25 Tagen im Monat auf den Feldern. Sie wird nach Kilogramm bezahlt: Manchmal verdient sie 500 Rupien am Tag, manchmal 900, im Schnitt etwa 18.000 Rupien oder 95 Euro im Monat. Weil ein Teil davon für die Altersvorsorge abgeht und sie außerdem noch einen Kredit zurückzahlen muss, bleibt nur etwa die Hälfte vom Lohn übrig. Wenn Thagvelee von der Arbeit nach Hause kommt, kocht sie für die Familie. Nachts schläft sie auf einer dünnen Bastmatte auf dem Betonboden. Auf die Frage, was ihr wertvollster Besitz ist, antwortet sie: “Ich besitze nichts Wertvolles.” Weil von ihren sechs Kindern erst vier verheiratet sind und sie die anderen beiden versorgen muss, will sie weiterarbeiten, bis sie 60 ist.

Der überwiegende Teil der sri-lankischen Teedörfer sieht aus wie Poonagalla, schätzt Michael Kreitmeir. Der 61-Jährige arbeitete früher als Filmemacher unter anderem für den Bayerischen Rundfunk und lebt seit 1999 im Hochland von Sri Lanka. Damals ließ er sein bisheriges Leben zurück, um sich im Bergland um Kinder in Not zu kümmern. Er baute unter anderem ein Kinderdorf namens “Mahagadera” auf, in dem heute etwa 100 singhalesische und tamilische Kinder leben. „Ich bin hier jeden Tag mit den Problemen der Hochlandtamilen konfrontiert“, sagt Kreitmeir. Ihm zufolge gelten sie in Sri Lanka oft als Bürger zweiter Klasse. „Die Behörden und Offiziellen behandeln sie nicht als gleichwertig.“

Das liegt auch daran, dass die Hochlandtamilen eine marginalisierte Minderheit sind. Sie fühlen sich weder den in Sri Lanka dominierenden Singhalesen zugehörig, noch der einheimischen tamilischen Minderheit, die im Norden und Osten des Landes lebt. Eine Terrororganisation kämpfte dort während des 26 Jahre dauernden Bürgerkriegs bis 2009 für einen eigenen Staat. Die Tamilen im Hochland, geografisch von den einheimischen Tamilen getrennt, spielten während des Kriegs kaum eine Rolle. Bis heute werden sie von der Regierung vernachlässigt. Es gibt getrennte Schulen, weshalb viele Hochlandtamilen kein Singhalesisch lernen. Kaum ein qualifizierter Lehrer verirrt sich in die abgelegenen Teedörfer.

Das Resultat ist, dass die Hochlandtamilen dem Rest des Landes „in fast jeglicher Hinsicht hinterherhinken“, wie die britische Wochenzeitschrift “The Economist” es vor einigen Monaten in einem Artikel formulierte. Demzufolge erreichen nur zwei Prozent der Schüler aus den Teedörfern das A-Level, das dem deutschen Abitur entspricht. Nur 23 Prozent der Plantagenarbeiter lebten 2012 in eigenen Häusern, verglichen mit 83 Prozent der Gesamtbevölkerung. Weniger als die Hälfte der Teedorf-Bewohner hat Zugang zu sauberem Trinkwasser, und einer Studie der NGO „Search For Common Ground“ aus dem Jahr 2013 zufolge lebt fast ein Drittel von ihnen unter der Armutsgrenze. Tee ist das mit Abstand wichtigste Handelsgut des Landes und für den sri-lankischen Exporthandel wichtiger als die Autoindustrie für den deutschen. Dennoch werden die Teedörfer im Hochland vernachlässigt und die Bewohner diskriminiert.

Am meisten bekommen das die Frauen und Mädchen zu spüren. 90 Prozent der Hochlandtamilen sind Hindus, in deren Kultur Frauen ihren Gatten gehorsam zu leisten haben. Wer sich nicht unterordnet, wird laut Michael Kreitmeir misshandelt. Unter den Helferinnen im Kinderdorf seien regelmäßig Frauen, die überall am Körper blaue Flecken hätten und behaupteten, sie seien die Stiegen hinunter gefallen. „Gewalt ist ein permanenter Begleiter in diesen Dörfern und Familien“, sagt er. Weil die Mädchen jungfräulich in die Ehe gehen sollen, werden sie laut Kreitmeir schon im Teenager-Alter verheiratet und bekommen Kinder. Wer keinen Mann habe, egal ob unverheiratet oder Witwe, sei schutzlos und gelte als wertlos. „Wenn ich einen Artikel schreiben müsste“, sagt Kreitmeir, „würde ich schreiben: tamilische Frauen – #MeToo.”

Michael Kreitmeir

Obwohl sie sich um den Haushalt kümmern, übernehmen die Frauen in vielen Familien zusätzlich die Rolle des Ernährers. Männer arbeiten traditionell nicht als Teepflücker, sondern als Aufseher, die Frauen anleiten, oder als Field Officer, die Teesträucher beschneiden und Wege anlegen. Weil auf den Plantagen jedoch nur wenige Männer gebraucht werden, suchen sie oft in der Großstadt nach Arbeit. Nicht alle kommen zurück. Die Frau, die in der tamilischen Kultur stets in der Familie des Mannes lebt, wohnt dann mit ihren Kindern bei den Schwiegereltern – und hat noch weniger zu sagen als zuvor.

Wie sich ein solches Leben anfühlt, kann Bawani Daramaligam erzählen. Die 49-Jährige ist eine energische Frau, der man nicht ansieht, dass sie Großmutter ist. Neben ihrer Muttersprache Tamilisch spricht sie Englisch und Singhalesisch – obwohl sie schon in der dritten Klasse die Schule abbrach. Damals musste sie auf die Kinder einer Verwandten aufpassen, weil der Vater starb. Mit 18 heiratete sie und bekam vier Kinder. Es war eine unglückliche Ehe voller Gewalt, die erst endete, als ihr Mann 13 Jahre später an einer Herzattacke starb.

Die Schwiegereltern setzten Bawani und ihre vier Kinder vor die Tür. Eine Zeitlang arbeitete sie für 200 Rupien am Tag auf den Teeplantagen und gab die Kinder tagsüber in Betreuung. Das Geld reichte nicht einmal aus, um ihre Familie zu ernähren. „Ich wollte mich damals vergiften“, sagt Bawani. „Meine Kinder sagten, dass sie mit mir sterben wollen. Nur mein Ältester wollte weiterleben.“ Eine zweite Heirat war für Bawani keine Option, weil man dann „von allen Leuten beschimpft“ werde, sagt sie, „und die Männer sich nicht um die Kinder aus der vorherigen Ehe kümmern.“

Bawani Daramaligam

Vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes stand Bawani am Tor von „Mahagadera“ und bekam einen Job als Küchenhilfe. Die Kinder wuchsen im Kinderdorf auf. Bawani bewährte sich, zunächst in der Küche, dann in einem der Kinderhäuser. Sie lernte zwei Sprachen und leitet heute das Bubenhaus, das knapp fünf Kilometer von „Mahagadera“ entfernt auf einem Berg liegt. Ihr Sohn Mikel hat sein A-Level als einer der besten Schüler der Provinz bestanden und will ab dem nächsten Jahr Tourismus studieren. „Heute bin ich frei und die Leute respektieren mich“, sagt Bawani. Bei der Hochzeit ihrer Tochter durfte sie trotzdem nicht in der ersten Reihe stehen: weil sie Witwe ist.

Kreitmeir sagt, dass viele Mädchen in seinem Kinderdorf und anderen Heimen seiner Hilfsorganisation „Little Smile“ aus Familien mit ähnlichen Hintergründen stammen. Früher seien hauptsächlich Kriegswaisen gekommen, heute seien rund zwei Drittel der Kinder „Sozialwaisen“ aus den Teedörfern. „Wenn sie zehn oder zwölf Jahre alt sind und keinen Vater haben, der sie beschützt, sind sie nicht mehr sicher“, sagt Kreitmeir. In “Little Smile” sollen diese Mädchen dann lernen, selbstbestimmt zu leben: Sie wachsen dreisprachig auf und erhalten eine Ausbildung. „Nur so können sie aus dem Kreislauf von Not und Gewalt ausbrechen, der immer noch den Alltag der Teedörfer bestimmt“, sagt Kreitmeir.

Inzwischen weigern sich auch dort immer mehr junge Menschen, auf den Plantagen zu arbeiten. Die jüngere Generation lässt sich kaum noch auf die schlechten Arbeitsbedingungen ein. Viele von ihnen verlassen stattdessen die Teedörfer, weil es in den Baracken zu eng wird, und suchen im Rest des Landes Arbeit in Textilfabriken oder auf Baustellen. Der Weltbank zufolge “erklären die meisten Jugendlichen aus den Teedörfern, dass sie aufgrund ihrer indisch-tamilischen Herkunft und ihrer Identität als Plantagenarbeiter Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt sind.” Noch gibt es genug ältere Frauen wie Thagvelee, die ohne die Teepflückerei kaum überleben könnten. Doch wenn sie in Rente gehen, kommen keine jungen Arbeiter nach.

Auch Doresami Pushpa arbeitet auf den Teeplantagen. Sie wohnt zwei Türen neben Thagvelee in Poonagalla. Anders als ihre Nachbarin ist sie keine Teepflückerin, sondern Aufseherin – bekommt aber trotzdem nur 750 Rupien am Tag. Obwohl auch ihr Mann eine Arbeit als Schneider gefunden hat, reicht das Geld für die vierköpfige Familie kaum aus. Jeden Tag läuft Doresami nach der Arbeit sieben Kilometer nach Hause: „Um die 25 Rupien für den Bus zu sparen“, sagt sie, und schlägt plötzlich die Hände vor dem Gesicht zusammen, um einige Tränen zu verbergen. Warum sie weint? „Weil sich endlich jemand interessiert“, sagt Doresami.

Doresami Pushpa

Denn jahrzehntelang wurden die Hochlandtamilen in ihrem eigenen Land vergessen. Sie bilden das Rückgrat der Teeproduktion und sind trotzdem immer noch eine soziale Randgruppe. Auch aufgrund des Bürgerkriegs zwischen Singhalesen und Tamilen im Norden und Osten des Landes, der dazu führte, dass die Not der Hochlandtamilen kaum Aufmerksamkeit erhielt.

Erst seit dem überraschenden Wahlsieg von Maithripala Sirisena im Jahr 2015 scheint sich die Regierung des Problems anzunehmen. Ein für das Hochland zuständiges Ministerium kündigte 2016 an, innerhalb von fünf Jahren 690 Millionen Dollar zu investieren und 56.000 Häuser für die Arbeiterfamilien zu bauen. Die indische Regierung will ebenfalls 14.000 Häuser finanzieren. Laut Angaben der Regierung sind 160.000 Häuser nötig, um die verfallenden Baracken in den Teedörfern zu ersetzen.

Um die Hochlandtamilen besser zu integrieren, sind neue Häuser und Dörfer ein erster Schritt. Ein weiterer ist eine eindeutige Identität. Viele Sri Lanker nennen die Hochlandtamilen aufgrund ihrer Herkunft immer noch “indische Tamilen”. Dies sei eine “Quelle der politischen und administrativen Diskriminierung sowie der sozialen Antipathie”, wie eine Gruppe von Politikern erklärte. Eine bessere Bezeichnung sei stattdessen “Malaiyaka Tamil” – Hochlandtamilen. Seit vielen Generationen leben sie im Land und trotzdem ist es erst 15 Jahre her, dass mehr als 100.000 von ihnen die Staatsbürgerschaft erhielten. Es ist wichtig, dass die Hochlandtamilen als das angesehen werden, was sie eigentlich schon lange sind: nicht nur Nachfahren von Indern, sondern auch vollwertige Bürger Sri Lankas.