Was vom Reisen durch Südostasien übrig blieb

Die Route ist ein Traum, seit Generationen: Auf dem Banana Pancake Trail reisen Backpacker durch Thailand oder Laos. Nur erinnert das Reisen heute manchmal eher an einen Alptraum.

Dieser Text ist im Oktober 2025 beim Stern erschienen.

Andamanensee, Phi Phi Islands. Um 11.10 Uhr legt das Speedboot an der Maya Bay an, der weltberühmten Bucht aus dem Blockbuster The Beach mit Leonardo DiCaprio. Um 11.45 Uhr soll sich die Reisegruppe wieder treffen. 35 Minuten Zeit also für das perfekte Bild in der Bucht. Auf dem schmalen Holzsteg, der dorthin führt, drängeln sich die Besucher. Dutzende Speedboote haben an diesem Vormittag schon hier angelegt.

11.18 Uhr: Gewusel auf goldgelbem Pulversand. Eine Frau mit Handy in der Hand scheucht Störenfriede aus dem Bild. Ein Mann im Tom-und-Jerry-Shirt schwenkt seinen Selfie-Stick hin und her wie die goldene Ananas. Das Wasser liegt ruhig in der Bucht wie eine türkisfarbene Folie.

11.27 Uhr: Zwei chinesische Mädchen im rosafarbenen Badedress wagen sich zu weit ins Wasser. Ein Ranger ruft sie mit seinem Megafon zurück. Schwimmen ist in der Maya Bay aus Naturschutzgründen verboten. Wenn Bilder aus dem richtigen Winkel aufgenommen sind, sieht es deshalb so aus, als sei die Bucht menschenleer. Um 11.38 Uhr noch ein letztes Foto, dann muss die Reisegruppe zurück zur Anlegestelle.

Der Strand in der Maya Bay ist einer der meistbesuchten Thailands.

2,2 Millionen Instagram-Hashtags bei gerade einmal 250 Metern Länge: Angeblich ist der Strand in der Maya Bay der fotogenste der Welt. Das will zumindest eine Marketing-Agentur herausgefunden haben. Der Ansturm ist so groß, dass Besucher in der Regel nur eine Stunde in der Bucht verbringen dürfen. 

Jamie Griffiths und Dan Garnett freuen sich trotzdem auf den Trip zur Maya Bay. Die beiden stehen im Mad Monkey Hostel in Phuket an der Bar und bestellen zwei Singha-Bier. Heute Abend wartet das Nachtleben auf sie, in den kommenden Tagen die Strände von Thailand. 

Dan Garnett, 23, aus Wales:

Ich kenne viele Leute, die die Maya Bay wegen der tollen Fotos besuchen. Manche wollen einfach ihren Body präsentieren. Das ist vollkommen okay, vielleicht mache ich es genauso. Ich werde aber auch genießen, wie schön es dort ist. Viele Backpacker fliegen nach Thailand, Bali, Australien, weil sie diese Orte dauernd auf Social Media angezeigt bekommen. Sie gehen in die angesagten Restaurants, um Likes und Kommentare zu sammeln. Dabei verpassen sie die kleinen Street-Food-Stände, an denen es authentisches und gutes Essen gibt.

Jamie Griffiths, 23, aus Wales:

Wir sind nur drei Tage in Phuket und müssen gut auswählen, was wir mit unserer Zeit anstellen. Auf Social Media sind hauptsächlich Leute in unserem Alter unterwegs, da findet man viele gute Tipps. Vielleicht macht man heute nicht mehr die authentischen kulturellen Erfahrungen wie vor 20 Jahren, als man einfach losgereist ist und die Welt ohne große Vorbereitung entdeckt hat.

Jamie Griffiths (l.) und Dan Garnett aus Wales

Thailand, Laos, Vietnam: Die Ziele haben sich kaum geändert – die Orte selbst schon

Dan und Jamie sind auf dem Banana Pancake Trail unterwegs, jener legendären Route durch Südostasien, auf der junge Backpacker dieses wunderschöne Stück Welt erkunden. Sie wandern mit ihren Rucksäcken durch vietnamesische Bergdörfer, quetschen sich in überfüllte kambodschanische Busse, feiern an thailändischen Stränden wilde Parties und schleichen tief in der Nacht in ihre Zwölf-Betten-Schlafsäle. Am nächsten Morgen futtern sie frisch gebackene Bananenpfannkuchen, um wieder auf die Beine zu kommen.

Bananenpfannkuchen bekommt man fast überall auf dem Banana Pancake Trail, auch in Hanoi, Luang Prabang, Siem Reap, Koh Tao und Bangkok. Die Reiseziele der Backpacker haben sich in den vergangenen 20 Jahren kaum verändert. Die Welt aber schon, und mit ihr der Banana Pancake Trail. 

Vor 20 Jahren waren Rucksackreisende noch analog unterwegs. Kein Google Maps, kein Instagram, stattdessen ein zerfledderter Lonely Planet im Gepäck und jede Menge Zeit für Umwege. “Du wurdest abgezockt, bist in den falschen Bus gestiegen, hast dich verirrt und irgendwie wieder zurückgefunden”, sagt Lester Ledesma, der seit 30 Jahren als Fotograf und Autor durch Südostasien reist. Diese Art des Unterwegsseins habe den Charakter geformt: “Weil du gelernt hast, mit schwierigen Situationen umzugehen.” 

Heutzutage, glaubt Lester, bleiben solche Erfahrungen den meisten Backpackern verwehrt: “Das Reisen ist bequem geworden.”

Lester Ledesma aus Singapur

Wer heute in einem fremden Land ankommt, besorgt sich am Flughafen zuerst ein Datenpaket. Jede Schotterpiste ist kartiert, jede Garküche auf Google Maps bewertet. Weniger als vier Sterne? Schon verdächtig. In den Bücherregalen der Hostels verstauben alte Reiseführer. Viele Backpacker sind zwar solo unterwegs, wirklich allein sind sie aber nie. Wenn auf dem Bildschirm Nachrichten aus der Heimat aufleuchten, ist es schwerer, in eine fremde Welt einzutauchen.

Und sowieso ist die Fremde längst nicht mehr so fremd, wie sie einmal war. In jedem thailändischen Dorf bekommt man heute einen Cappuccino, in jeder Bambushütte hängt ein W-Lan-Passwort. Die Welt ist zusammengeschrumpft. 

W-Lan in jeder Bambushütte

Zum Beispiel in Pai. Das Dorf, in den grünen nordthailändischen Bergen gelegen, ist ein Ort wie ein All-You-Can-Eat-Buffet: Für jeden ist das Richtige dabei, und von allem gibt’s viel. Die Hippies haben ihre Weed-Shops, die Partymäuse und -löwen ihre Bars, die Instagrammer ihre hippen Cafés mit bunten Holzschildern, die Naturliebhaberinnen ihre Waldwege und Wasserfälle. Wer nach einem Smoothie und einer halbstündigen Fußmassage noch in die lokale Kultur eintauchen will, kann während eines dreistündigen Kurses das perfekte Pad Thai zubereiten. Alle sind gut drauf und entspannt, denn in Pai läuft niemand Gefahr, aus seiner Komfortzone zu fallen. Höchstens aus der Hängematte.

Backpacker in Pai

Dieser Tage ist Pai voller Israelis, die für ein paar Wochen oder Monate dem Krieg in ihrer Heimat entfliehen. Während einer Halbtagestour namens Pai Authentic Travel wollen einige von ihnen die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in und um Pai abklappern. Zwei aus der zusammengewürfelten Reisegruppe arbeiten zufällig im selben Unternehmen. Am ersten Stopp, einer großen Buddha-Statue, schießen sie ein Selfie und posten es in ihrer WhatsApp-Arbeitsgruppe. Nach einer Viertelstunde haben schon 17 Kolleginnen und Kollegen ein Herzchen dagelassen. Einer der beiden sagt: “Ich hätte mehr erwartet.”

Der vorletzte Stopp ist eine goldgelbe Bambusbrücke, die über ein sattgrünes Reisfeld führt. Das schaut sowohl in echt als auch auf Bildern sehr schick aus. Drei Teilnehmerinnen schießen so viele Selfies, dass der Zeitplan durcheinandergerät und die Reisegruppe fast den Sonnenuntergang am Pai Canyon verpasst. Dort bleibt der Horizont zwar wolkenverhangen, dafür stimmt am Ende die Ausbeute auf WhatsApp: Mehr als 30 Herzchen für das Selfie – rund ein Zehntel der Belegschaft. Die beiden Kollegen wirken zufrieden.

Bamboo Bridge in Pai

Solche Szenen zählen längst zum digitalen Alltag. Auf dem Banana Pancake Trail sind sie aber auch ein Symbol des Wandels. Denn der Trail war stets ein großes Versprechen: Sei offen, sei neugierig – dann lernst du spannende Menschen und andere Kulturen kennen und vielleicht auch ein Stück weit dich selbst.

Nicht mehr die Neugierde leitet sie, sondern die Tipps von Influencern

Heute lassen sich viele Backpacker nicht mehr von ihrer Neugierde leiten, sondern von Influencern und digitalen Bewertungen. Oft zählt nicht mehr das Erlebnis an sich, sondern das perfekte Bild. Orte wie die goldgelbe Bambusbrücke oder die Maya Bay werden zu Haken auf einer To-do-Liste.

Gleichzeitig – und auch das ist Teil des Wandels – ist der Banana Pancake Trail sicherer und inklusiver geworden. Dieses wunderschöne Stück Welt steht heute auch jenen offen, die früher aus Angst vor dem Unbekannten wohl nicht in den Flieger gestiegen wären. Zum Beispiel der 20-jährigen Nele Szywak. Sie reist seit einem Monat durch Thailand, ist gerade auf der Insel Koh Phangan unterwegs und sitzt in der Lobby ihres Hostels auf einer verbeulten Couch.

Nele Szywak, 20, aus Thüringen:

Ich bin die kommenden Monate auf dem Banana Pancake Trail unterwegs. Momentan mit meiner Freundin Selma, danach reise ich alleine weiter. Bevor ich ein Hostel buche, schaue ich oft auf Reddit oder in den Kommentaren auf Hostelworld, was andere Leute so schreiben. Ich glaube, das ermöglicht uns, gerade als Frauen, dass wir uns sicherer fühlen. Ich weiß nicht, ob ich so eine Reise vor 20 Jahren gemacht hätte.

Wer einst mit dem Rucksack in Thailand unterwegs war, landete früher oder später fast zwangsläufig auf der Khao San Road, einer 400 Meter langen Straße im Bangkoker Viertel Banglamphu. Sie war so etwas wie das Drehkreuz des Banana Pancake Trails: Hier gab es die günstigsten Hostels, Buchläden voller gebrauchter Reiseführer und Bars, in denen Raubkopien von The Beach liefen. Nach dem Hinflug oder kurz vor der Heimreise trafen sich Backpackerinnen und Backpacker in der Khao San Road, um bei billigem Bier ihre besten Geschichten auszutauschen.

Heute ist sie eine laute Partymeile voller Leuchtreklamen. Wer abends die Straße entlangläuft, bekommt von fleißigen Verkäufern Angebote unterbreitet: 20 Schuss mit einer Maschinengewehr-Attrappe gibt es für umgerechnet sechs Euro, frittierte Skorpione für die Hälfte, der maßgeschneiderte Anzug inklusive Hemd und Krawatte kostet 99 Euro. Zwischen den vielen Verkäufern sind kaum Backpacker mit Rucksäcken auszumachen, stattdessen klackern Rollkoffer über den Asphalt.

Khao San Road in Bangkok

Zwei Straßen weiter führt Rico Mühlbach mit seiner thailändischen Frau ein freundliches Gasthaus namens Honey Place. Vor dem Eingang wachsen Bougainvilleas und kleine Papayabäume, an den Zimmertüren hängen bunte Schaumstoff-Aufkleber mit der thailändischen Begrüßung Sawadikap. Vor 15 Jahren war Rico, 38, selbst ein begeisterter Backpacker. Sein Grinsen verbreitet gute Laune, er redet gern mit seinen Gästen.

Damals bin ich in Deutschland los und dachte mir: Ich muss zur Khao San Road. Da sind alle Backpacker. Ich habe mich mit einer Nudelsuppe auf den Bordstein gesetzt und bin sofort ins Gespräch gekommen. Wo geht es denn bei dir hin? Wo warst du schon überall? Und wie war’s da? Wenn ich mich jetzt auf den Bordstein setze, bin ich der Einzige.

Rico Mühlbach stammt aus Thüringen und lebt in Bangkok.

Rico hat zwar einen Instagram-Account, ist aber selten in den sozialen Medien unterwegs. Den meisten Backpackern hingegen kann man noch Tage und Wochen später beim Reisen zuschauen. Auch Lester, Nele, Jamie und Dan.

Lester ist inzwischen für ein Fotoprojekt in Malaysia und postet Schwarz-Weiß-Bilder von alten Kaffeehäusern. 

Nele wandert mit ihrer Freundin Selma durch einen Wald auf Koh Phangan. 

Jamie ist ebenfalls auf Koh Phangan unterwegs und feiert bei der legendären Full Moon Party bis in den Morgengrauen.

Dan postet ein kurzes Video von der Maya Bay. Er selbst ist darauf nicht zu sehen, nur die wirklich wunderschöne Bucht.

Auf dem Video sieht es aus, als sei sie menschenleer.

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