Jamaa el Fna: Ekstase der Synapsen

Der Jamaa el Fna liegt seit 900 Jahren im Zentrum der Medina von Marrakesch. „Versammlung der Toten“ bedeutet der Name im Arabischen, doch das ist paradox, denn der Platz ist eine Ausstellung orientalischer Vitalität und ein Ort des berauschenden Lebens.

Das unabänderliche Schlagen der Trommeln ist das Erste was ich höre, als ich aus dem Bus steige. Sie rufen mich in ihre Richtung. Am frühen Abend glänzt der Jamaa el Fna, er liegt hell da und passt sich an den sandigen Farbton der angrenzenden Häuser an.

Die Menschenmassen schlendern über das Pflaster aber der Platz ist so weitläufig, dass keine Enge entsteht. Händler lachen, winken, rufen, preisen ihre Waren überschwänglich an und wollen die Aufmerksamkeit der Vorbeiziehenden mit aller Macht auf sich lenken. Die Konkurrenz unter den Verkäufern von frischem Orangensaft ist besonders groß. Ein Wagen reiht sich neben dem nächsten ein und die Früchte stehen so hoch aufgetürmt, dass man sich wundert, warum diese Berge nicht in sich zusammenfallen.

Ein Mann in einem braunen Burnus schlendert scheinbar zufällig vorbei, dreht sich um und bietet „Smoke“ an. Ich lehne ab, er zieht weiter und nimmt die nächste Gruppe ins Visier.

Jeder ist hier anzutreffen, der Platz sortiert nicht aus: zwielichtige Gestalten mit undurchsichtigem Blick, die hiesige High Society mit Aktenkoffer unterm Arm, Besucher aus aller Herren Länder, Frauen im Ganzkörperschleier bei denen nur die Augen zu sehen sind aber auch junge, freizügig gekleidete Marokkanerinnen.K1600_IMGP5941Akrobaten turnen über den Platz, es riecht nach gegrillten Merguez. Ich muss Augen, Ohren, Nase offenhalten, will nichts verpassen, alles aufnehmen. Die Quantität an Eindrücken ist beispiellos, schockierend und herrlich zugleich und tut meiner Neugier keinen Abbruch.

Andauernd wird man angesprochen. Vor Restaurants und Imbissständen stehen mit allen Wassern gewaschene Kundenfänger, Herbergsväter wollen Hotelzimmer gegen Provision verschachern. Ein offensichtlicher Scharlatan preist sein Wunderpulver an. Ein Kreis von Einheimischen scharrt sich um ihn und schaut scheinbar fasziniert zu. Schaulustige und Claqueure sind schwer zu unterscheiden. Pampers tragende Affen werden an Ketten herumgeführt, für wenige Dirham setzen ihre Besitzer sie für Fotos auf die Schultern der Modelle. Ein Mann spielt Flöte, vor ihm windet sich eine Kobra. Zwei junge Männer prügeln sich ohne ersichtliche Ursache. Unschöne Ausscheidungsgerüche steigen in die Nase. Im Hintergrund dröhnen die Trommeln, eine Zither setzt mit ein, es schallt und dröhnt–

Dieser Ort ist ein Kulturschock. Die Wahrnehmung wird überfordert und im Strudel der Eindrücke feuern die Synapsen.K1600_IMGP5947Ich setze mich an einen der Stände und verspeise für drei Dirham eine Hariri, es ist eine Gemüsesuppe. Ich vertiefe mich ins Essen und senke den Blick in meine Schale. Die Suppe ist meine Auszeit. Sie wärmt mich wieder auf, füllt meinen Bauch und gibt mir Energie. Solange ich mich auf das Essen konzentriere, bin ich woanders. Die Suppe schmeckt wie bei Großmutter, deftig, würzig und herzhaft. Dann ist die Schale leer, ich hebe den Blick: Die Heimat ist weit entfernt.

Es wird dunkel auf dem Jamaa el Fna. Der Platz verwandelt sich: Die armen Affen und die Schlangenbeschwörer verschwinden, ihre Plätze werden eingenommen von Gauklern und Geschichtenerzählern. Sie erwecken Ali Baba wieder zum Leben, aus ihren Stimmen spricht der Orient. Was ist authentisch, was ist künstlich? Was war schon immer hier und was nicht? Ich weiß es nicht.

Die meisten Stände sind beleuchtet. Gebrannte Mandeln, Zuckerkringel, Datteln, Berberteppiche, geschnitzte Krieger aus Tuja-Holz, Mini-Tajines und andere typische Souvenirs werden präsentiert. Dort wo keine Stände stehen, stellen Hütchenspieler ihre Propanlampen auf, Musikgruppen versammeln sich im Kreis. Ein alter, zahnloser Greis fiedelt verzweifelt auf seiner Violine. Immer wieder pausiert er und streckt die Hand aus, aber niemand hält an.K1600_IMGP5915Nebenan bildet sich ein Kreis. Er umschließt fünf junge Marokkaner. Zum Rhythmus der Trommeln rufen sie ekstatisch die gleiche Parole immer und immer wieder in den Nachthimmel. Einer von ihnen ist ein Albino, er wirkt fehl am Platz, irgendwie surreal. Sie stampfen im Takt mit den Füßen, zucken mit den Schultern und drehen sich im Kreis. Eine kleine Höhle, erleuchtet vom Licht, sie nehmen nichts wahr außer sich selbst. Bewegung und Musik sind im Einklang. Der Sog zieht sie hinein in ihren Tanz, hypnotisch; fesselnd. Die Bilder brennen sich auf die Netzhaut. Die Reize pressen sich in die Gehirnwindungen, die die Überflutung nicht fassen können und dem berauschten Verstand melden: Das ist unglaublich.

Fotografieren ist leider schwierig auf dem Jamaa el Fna – im Islam gilt das Abbildungsverbot und viele Muslime wollen nicht auf Bilder.

Fotos aus Marokko

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