Jbel Toubkal: Auf das Dach des Atlas

Startort: Imlil. Höhe: 1700m. Ein kleines Bergsteigerdorf.

Wir haben eine Mission: In weniger als 24 Stunden wollen wir auf dem Gipfel des Jbel Toubkal sein, dem größten Berg des Atlas, etwa 2500 Meter höher als hier und jetzt. Wir, das sind Thomas und ich, zwei durchgeknallte Deutsche, die dachten, es wäre eine gute Idee, dieses Vorhaben mit dünnen Sportjäckchen und ausgelatschen Laufschuhen anzugehen.

Es ist kühl, es regnet und wir sind durchnässt, bevor es überhaupt losgeht. Ein matschiger Hang erscheint aus dem Nebel und mit rutschigen Schritten bewältigen wir die ersten Höhenmeter. Die Tropfen trommeln auf die Kapuze, statt Aufbruchsstimmung herrscht Katerstimmung. Immerhin, die Bewegung vertreibt die Kälte.

Der Weg führt bergauf, bergauf, bergauf. Unglaublich schwer bepackte Maultiere kommen uns entgegen. Ihre Hufe suchen auf dem schlüpfrigen Boden nach Halt. Oft gleiten sie weg, aber wie durch ein Wunder halten die Tiere immer die Balance. Anders als wir sind sie dieses Terrain gewohnt.

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Zwischenziel: Sidi Chamharouch. Höhe: 2310m. Ein Berberdorf.

Nach zwei Stunden werden die Beine schwer. Eine Hütte nach der anderen taucht aus dem Nebel auf. Ein gewaltiger Sturzbach donnert vorbei und fließt weiter ins Tal.

Wir lassen uns nieder und trinken einen Minztee, er kommt direkt von der Feuerstelle. Er soll uns wärmen, stattdessen spüren wir die fehlende Bewegung: Unter der Jacke saugt sich das T-Shirt am Brustkorb fest und kühlt den Körper aus. Gebrannte Mandeln und Teigfladen mit Frischkäse bringen unsere Kraftreserven wieder auf Vordermann.

Die Berber lugen aus ihren Unterständen hervor. Ihr Volk wurde lange Zeit diskriminiert, doch der aktuelle König Mohammed VI. setzte sich für die Gleichberechtigung der Berber ein. Sie strahlen einen latenten Stolz aus, die Aufdringlichkeit der Landsleute aus den Großstädten ist ihnen fremd. Bis der Tourismus kam, lebten sie größtenteils abgeschieden von der Außenwelt und entwickelten in den Bergen ihre Traditionen und Bräuche. Es ist eine Kultur, die seit Jahrhunderten besteht und doch sehr zerbrechlich ist.

Kleine Zicklein und massige Hammel springen leichtfüßig über die steinigen Abhänge. Unsere Schritte werden langsamer, der Puls schnellt in die Höhe. Die dünne Luft macht sich erstmals bemerkbar. Vor uns erscheint ein Schild, „Angeln verboten“ sagt es. Was zum Teufel soll man hier angeln? Und mit welcher Angel?

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Etappenziel: Die Herberge. Höhe: 3200m.

Es regnet immer noch. Nach sechs Stunden sehen wir eine Hütte, sie duckt sich in den Fels, auf drei Seiten wird sie von Steilhängen überragt. Es ist unser Tagesziel, die letzte Station vor dem Gipfel: eine Herberge des französischen Alpinistenvereins. Wie der im marokkanischen Atlas gelandet ist wissen wir auch nicht, aber wir sind verdammt froh über eine warme Dusche und trockene Kleider.

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In der Hütte setzen wir uns vor den Kamin und strecken die Füße aus. Wir genießen einen Tee in dem Wissen, nicht nur die äußeren Widrigkeiten sondern auch den inneren Schweinehund bezwungen zu haben, und hoffen für den nächsten Tag auf besseres Wetter.

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Nächster Morgen. 6.30 Uhr. Dunkelheit.

Noch vor dem Morgengrauen zieht es mich mit der Zahnbürste im Mund auf die Dachterrasse. Die ersten Frühaufsteher sind schon in der Ferne zu sehen. Auf dem Weg nach oben strahlen ihre Helmleuchten wie Perlen durch die Nacht. Der Sternenhimmel ist klar und deutlich zu sehen: Gutes Wetter, das ist wichtig. Der Berg ruft.

Die Laufschuhe sind kaum getrocknet und noch feucht vom Vortag. Mit einer Banane und den restlichen Brotfladen im Magen machen wir uns auf den Weg. Zumindest denken wir das, doch der Pfad verliert sich nach einigen Minuten zwischen den Steinen. Verdammt. Wir haben uns in der Route vertan und verlieren etwa eine halbe Stunde. Es wird heller, aber die Sonne versteckt sich weiter hinter den Bergen.

Danach gehen wir zumindest in die richtige Richtung, verlieren den Pfad aber erneut aus den Augen. Am Steilhang ziehen wir uns mit Händen und Füßen über die Felsbrocken. Die Steine rutschen ab und poltern ins Tal. Wir achten darauf, nicht hintereinander zu klettern.

Nach einer Weile sehen wir vor uns wieder eine kleine Linie, von unzähligen Stiefeln in die Erde getrampelt, sie schafft ein Gefühl der Sicherheit. Es wird kälter und der Atem dampft. Die ersten Gipfelstürmer sind schon auf dem Rückweg: „One step after the other!“, rufen sie uns zu.

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Tief unter uns erscheint ein letztes Mal die Herberge, dann überqueren wir einen Grat und sie verschwindet. Maultiere sind hier keine mehr unterwegs. Beim Blick nach vorne sehen wir schattige Umrisse, die auf dem Bergrücken langsam nach oben schreiten. Die Pausen sind sehr kurz, da die mangelnde Bewegung schnell zu Kälte und klammen Fingern führt.
Kurze Rast. Höhe: 3800m. Geröll, Schnee, Kälte.
Zwei Stunden nach Aufbruch haben wir 600 Höhenmeter zurückgelegt. Der erste Schnee knirscht unter den Schuhen und der Wind pfeift in den Ohren, dafür steigt die Sonne höher und schickt erstmals ihre Strahlen in unsere Richtung.

Schließlich sind wir auf dem Grat angekommen, auf dem wir zuvor die Silhouetten nach oben haben wandern sehen. Obwohl ich meine Lungen bis zum Anschlag mit Sauerstoff vollpumpe, scheinen sie zu schrumpfen. Ich keuche, jeder Schritt ist eine Anstrengung. Thomas geht es nicht besser, doch wir pushen uns gegenseitig nach vorne.

Als Kind hörte ich oft Erzählungen, in denen Bergsteiger über ihre Abenteuer berichteten. Erstmals kann ich ihre Anstrengungen am eigenen Leib nachvollziehen.

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Eine Frau übergibt sich vor uns in den Schnee. Von ihrem Begleiter gestützt muss sie kurz vor dem Ziel umkehren, die Höhenkrankheit hat sie erwischt.

Mit der Höhe steigt auch die Euphorie. Links, rechts, links, rechts, ein Schritt nach dem Anderen. Trotz aller Vorsicht rutsche ich schließlich doch aus und lege mich bäuchlings in den Schnee. Mund abputzen, weiter geht’s. Links, rechts, links, rechts. Eine Kurve noch, dann erscheint endlich die Gipfelpyramide.

Ziel erreicht. Höhe: 4167m. Der Gipfel.

Jetzt stehen wir da, mit unseren dünnen Jäckchen und den ausgelatschten Laufschuhen, vollgepumpt mit Adrenalin und heftig am Zittern. Der Wind zerrt an der Kleidung. Die Euphorie strömt durch den Körper und selbst die Sonne scheint uns zuzujubeln. Nabil kommt um die Ecke, wir fallen uns in die Arme und feiern den Moment.

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Wir setzen uns grinsend auf den Hosenboden und essen die restlichen Mandeln. Der Blick wandert in alle Richtungen und überall bohren sich kantige Zacken in den Himmel. Das Gipfelpanorama des Atlas ist eine grandiose Belohnung für die Strapazen.

Irgendwann beugen wir uns der Kälte und beginnen den Abstieg. Schritt für Schritt geht es zurück ins Tal, die Luft wird wieder wärmer und nach einer Weile heißt es Abschied nehmen: Goodbye, Goliath, mach’s gut! Es war schön mit dir, und sei gewiss: Du wirst für immer einen Platz in meinen Erinnerungen haben!

Bilder aus Marokko

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