Eindrücke aus Mexiko: Mexico City und Oaxaca

Wie ist es, nach anderthalb Jahren Pandemie endlich wieder zu reisen? Und was lernt man dabei über das Land? Eindrücke aus vier Wochen in Mexiko, Teil 1.

Ich bin dann mal weg. Dreieinhalb Jahre lang habe ich das nicht mehr gesagt. Damals, bei meiner letzten vergleichbaren Reise, war ich in Sri Lanka. Jetzt also vier Wochen Mexiko. Ein riesiges, kompliziertes, zwischen Gewalt und Armut zerrissenes Land, mit 130 Millionen Einwohnern, mit weltoffenen Metropolen und weltfernen Gebirgen, einer unglaublichen Geschichte und voller Kultur(en). Was kann man von all dem in 28 Tagen überhaupt erleben? Und wie fühlt es sich an, nach so langer Zeit – und mit der Pandemie – wieder unterwegs zu sein?

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Marathonlauf durch Mexiko City, Kilometer 37: Ein Mann mit einer Maske joggt vorbei. Welch ein unglaubliches Durchhaltevermögen. Der Stoff sitzt zwar unsachgemäß nur über dem Mund, aber wer nach einer solchen Distanz noch durch die Nase atmet, sollte sowieso den nächsten HNO-Arzt aufsuchen.

Beim Marathon ist der Maskenmann zwar eine Ausnahme, trotzdem ist die Szene typisch für das, was einen in Mexiko City und anderen Städten des Landes erwartet: Viele Mexikanerinnen und Mexikaner tragen auch im Freien Mundschutz, manche sogar auf dem Motorrad oder beim Gassigehen. Fragt man herum, warum sie das tun, heißt es oft: Es sei einfach sicherer. Vor allem in einer Metropole wie Mexiko City, in der sich mehr als 20 Millionen Einwohner tummeln.

Und damit wäre eine der größten Fragen zum Reisen in Mexiko schon geklärt: Auch hier gibt es kein Entkommen vor der Pandemie, auch hier reist sie jeden Tag mit; so lasch die Einreisebestimmungen und Beschränkungen auch sind. Derzeit kommt man ohne Test und ohne Impfung ins Land. Und da die Inzidenz sich in vielen Landesteilen im einstelligen Bereich bewegt, gelten bis auf Abstandsregeln und eine Maskenpflicht in vielen Innenräumen kaum Beschränkungen. Alle großen Touristenattraktionen sind geöffnet und die wenigen geltenden Beschränkungen werden nicht allzu streng überprüft.

Manch ein Tourist pfeift denn auch darauf und demaskiert sich selbst dort, wo ein Mundschutz eigentlich Pflicht wäre. Die meisten Menschen halten sich jedoch an die Regeln und sind froh, endlich wieder reisen zu können. Viele von denen, die zwischen Mexiko City und Cancún unterwegs sind, haben ihre Jobs gekündigt, um ein paar Monate durch das Land zu ziehen. Auf das große Eingesperrtsein soll die große Freiheit folgen.

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Für mich fühlt sich das Reisen nach einer so langen Pause aber erstmal so an, als müsste ich es wieder neu lernen. Mexico City ist übervoll, ich habe einen heftigen Jetlag und die vielen Eindrücke hauen mich um. Mehr als 20 Millionen Menschen wohnen hier, und steigt man auf den Torre Latinoamericana, eines der höchsten Gebäude in der Innenstadt, erblickt man in jede Himmelsrichtung bis zum Horizont Häuser und Straßen.

Am ersten Tag verliere ich mein Handyladekabel und meine Ohrhörer; am zweiten will ich den Bus in eine ruhigere Stadt namens Oaxaca de Juárez (im gleichnamigen Bundesstaat Oaxaca) nehmen, fahre allerdings an das falsche Terminal. 

Die Fahrt selbst ist dann sehr komfortabel (anders als bei Flixbus funktioniert sogar das Wlan), endet aber kurios: Nach dem Aussteigen reiht der Busfahrer hinter einer Absperrung die Gepäckstücke auf und sprüht jedes einzelne sorgfältigst mit Desinfektionsmittel ein. Erst danach bekommt man seinen Rucksack gereicht.. 

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Einige Kilometer westlich von Oaxaca liegt die Pyramidenstadt Monte Alban; vor 2500 Jahren von den Zapoteken erbaut, als sich in Europa noch Kelten und Roemer die Köpfe einschlugen. Monte Alban ist zwar viele Hektar groß, wegen der Pandemie ist der Einlass jedoch auf 400 Personen pro Tag beschränkt. Wer rein will, muss also möglichst früh kommen. Deshalb quetschen sich die Touristen (auch ich) morgens um 8 Uhr in volle Reisebusse, warten dann eine Stunde lang vor dem Eingang und strömen um Punkt 10 Uhr gemeinsam auf das riesige Areal. 

Wer nachmittags noch kommen will, hat Pech gehabt: Der Ort ist dann zwar verwaist, das Kontingent von 400 Besuchern aber leider schon ausgeschöpft.

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San José del Pacifico ist ein Bergdorf in den Valles Centrales westlich von Oaxaca. Dort gehe ich drei Tage Wandern; gemeinsam mit Ben, der ursprünglich aus Los Angeles kommt, aber seit acht Jahren in Israel lebt. Er erzählt viel über seine Zeit in der Armee (alle israelischen Juden müssen etwa zweieinhalb Jahre Dienst leisten), ich über meine Arbeit als Journalist. Wir wandern durch saftiges Grün und duftende Pinien. Am Wegesrand stehen riesige Agaven; manche lassen ihre Blätter hängen wie schlaffe Tentakel, andere recken sie kraftstrotzend bis in mehrere Meter Höhe. 

Am ersten Tag begleitet uns Nacho, ein brauner Rüde, der sich ständig selbst in Schwierigkeiten bringt. Mal kläfft er einen stärkeren Hund an, dann sprintet er auf ein Motorrad zu und bekommt prompt vom Beifahrer einen Hieb in den Nacken. Beim nächsten Motorrad duckt Nacho sich an den Wegesrand und hält größtmöglichen Abstand.

Am zweiten Tag – Nacho haben wir diesmal im Hostel zurückgelassen – kommen wir nach einem 30-Kilometer-Marsch in einem Dorf an, in dem es scheinbar keine einzige Unterkunft gibt. Zumindest entdecken Ben und ich keine Schilder. Nach einer längeren Suche fragen wir einen Dorfbewohner. Er zeigt auf die “casa naranja”, ein orangefarbenes Haus auf einem Hügel. Wir haben Glück, es gibt genau zwei Zimmer mit Holzpritschen, beide sind frei. Raúl, der Gastgeber, holt aus seinem Lager sogar noch zwei Matratzen und mehrere Decken. Die brauchen wir auch, denn nachts kühlt es bis auf zwei Grad ab. 

Am nächsten Tag erwandern Ben und ich noch einige weitere Bergdörfer. Die vielen Kilometer in der Natur bringen Klarheit in den Geist. 

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Mexiko hat eine besondere Beziehung zum Tod. In Deutschland wird er oft verdrängt und verteufelt. Die Mexikaner hingegen feiern den Tod. Der “Día de Muertos” ist einer der wichtigsten Feiertage im Land. Jedes Jahr Anfang November versammeln sich die Menschen auf den Friedhöfen und gedenken der Verstorbenen. Aber nicht in Trauerkluft und mit langen Gesichtern, sondern mit lauter Musik, mit gutem Essen und einem rauschenden Fest. Manche Mexikaner und Mexikanerinnen schminken sich sogar als Skelett. 

Aber auch abseits des Día de Muertos begegnet einem in Mexiko immer wieder der Tod. Viele Geschäfte bieten bunte Totenköpfe als Souvenirs. Andere verkaufen direkt ganze Skelette. Und wenn ein solches Skelett eine schwarze Kapuze trägt und eine Sense in der Hand hält – dann handelt es sich dabei um die Santa Muerte, die Heiligenfigur der Narcos und der Prostituierten, die niemals urteilt, sondern stets vergibt. Der Kult um die Götzenfigur ist riesig: Angeblich beten etwa zehn Millionen Menschen Santa Muerte an. 

Warum die Mexikaner dem Tod ins Gesicht lachen? Vielleicht, weil es nicht anders geht in einem Land, in dem er so allgegenwärtig ist. Auf den Titelseiten der Zeitungen sind oftmals verstümmelte Leichen abgebildet, und auf manchen Marktplätzen sehe ich campierende Menschen, die mit Plakaten auf Kidnappings oder Morde aufmerksam machen. Mexiko hat eine der höchsten Mordraten der Welt. Verantwortlich dafür sind die Kartelle, die jedes Jahr zehntausende Menschen aus dem Weg räumen, die ihnen und ihren Profiten im Weg stehen.

Immer wieder höre ich jedoch waehrend meiner Reise: Als Tourist braucht man sich keine Sorge zu machen. Die Narcos bringen schließlich nicht ihre eigene Kundschaft um die Ecke. Trotzdem bewege ich mich vorsichtig, es gibt schließlich auch Kleinkriminalität abseits der Kartelle. Ich treibe mich nachts nicht in düsteren Bezirken herum und stecke an manchen Orten meine Kamera und mein Handy in den Rucksack. Aber in meiner Zeit in Mexiko kommt es zu keiner Situation, in der ich mich unsicher oder bedroht fühle.

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Puerto Escondido ist eine 40.000-Einwohner-Stadt an der Pazifikküste; hier liegen ein paar traumhafte Strandbuchten und der Zicatela Beach mit der wohl berühmtesten Surfwelle Mexikos. 

Außer den Stränden gibt es in Puerto Escondido nicht viel zu sehen; ich leihe mir also einen Scooter und fahre ins Hinterland. Sobald man von der asphaltierten Landstraße abbiegt, wird sie zu einer abenteuerlichen Buckelpiste. Die Schlaglöcher sind plötzlich dreimal so tief wie zuvor. Und genau da, wo auf einer normalen Straße der Mittelstreifen wäre, paaren sich zwei grüne Iguanas. Als ich angefahren komme, zischen sie schnell in die Büsche.

Etwa zwei Stunden dauert es bis zum Wasserfall “Cascada de la Reforma”, meinem Ziel. Der Eintritt kostet eigentlich zehn Pesos (50 Cent), aber der Wächter hält gerade Siesta. Ich schleiche mich an ihm vorbei und prelle (vorerst) die Zeche.

Den Wasserfall hört man lange, bevor man ihn sieht. Als er nach einigen Dutzend Treppenstufen ins Blickfeld gerät, bestätigt sich: Er ist gewaltig. Das Wasser donnert mit seiner solchen Kraft herunter, dass die Gischt noch fünfzehn Meter weiter auf die Haut sprüht. Außer mir ist – der Buckelpiste sei dank – kein Mensch an diesem wunderbaren Ort.

Auf dem Rückweg döst der Wächter noch immer, wacht aber auf, als ich barfuß an ihm vorbei tapse. Egal, die zehn Pesos berappe ich mit Vergnügen. 

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Eindrücke aus Mexiko, Teil 2

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